Mittwoch, 30. September 2015

Ende September...

Auf der Suche nach Inspirationen für einen Herbstengel fand ich gestern in meinem Regal ein altes Gedichtbuch von Sándor Petöfi mit Übersetzung von Gehard Steiner aus der Insel-Bücherei (Nr. 351).

Ich habe zu Petöfi eine merkwürdige Beziehung, denn er hat einerseits mein alleliebstes Gedicht geschrieben (Wie nenne ich dich nur, aus dem Jahr 1848), aber andererseits macht er mich immer wieder irgendwie schwermutig...

Petöfi war ein literarisches Phänomen von Weltbedeutung, obwohl der öffentliche Trubel um seine Dichtung nur ca. sieben Jahre hielt. Sicherlich lassen sich die poetischen Schöpfungen Petöfis nicht von der Geschichte Ungarns trennen. Seine Sehnsucht nach Freiheit ist kein persönliches Thema, sondern spiegelte die Urwünsche seines Volkes wieder. In dem Werk Petöfis gewannen die Ideale der Französischen Revolution einen klaren nationalen Ausdruck. Darüber hinaus sind seine Verse geprägt von den Landschaften zwischen der Donau und seinem Nebenfluss Theiß.

Aber der Schmerz und die Ausweglosigkeit, die Petöfi beschreibt, ist der Schmerz und die Ausweglosigkeit eines jeden Unterdrückten, der weiß, dass er zwar den Weg der Befreiten vorbereiten wird, ihn aber nicht selbst beschreiten kann.

Petöfi war erfüllt von einem kämpferischen Pathos, dem er erliegen musste. Und er schaffte es, uns diese leidenschaftliche Ergriffenheit so nahe zu bringen, dass wir ihr auch erliegen. In einer Zeit, in der so viele kriegerische Konflikte ausbrechen, ist seine Dichtung aktueller den je - auch wenn die meisten von uns das Glück haben, diese Konflikte nur von weit her betrachten zu können.


Ende September (1847)

Noch blühen die Blumen der Gärten im Tale,
vorm Haus ist die Espe noch herrlich belaubt.
Doch sieh in der Ferne des Winters Signale,
schon trägt das Gebirge ein schneeiges Haupt!
Noch fühl ich des Sommers berauschendes Leben,
den Frühling, der alles zum Blühen erweckt,
mein Haar jedoch silbrige Strähnen durchweben,
schon hat es der Winter mit Rauhreif bedeckt.

Die Blumen verwelken, die Jahre enteilen.
Komm, setze dich, Liebste du, mir auf den Schoß!
Kannst heute noch nah meinem Herzen verweilen,
vielleicht bleibt dir morgen mein Grabhügel bloß.
Sag, wirst du sehr trauern, wenn vor die ich stürbe,
und an meiner Bahre tief aufschluchzend knien,
und wirst du, wenn dann dich ein Jüngling umwürbe,
den Namen vertauschen, den ich dir verliehn?

Und legst du doch von dir den Schleier der Trauer,
so hänge als Fähne ihn über mein Grab!
Ich steige empor aus der Stätte der Schauer,
zur Mitternacht, hole ihn zu mir herab,
die Tränen zu trocknen, die um dich vergossen,
die allzuleicht neu ihre Liebe vergibt,
zu stillen das Blut, einem Herzen entflossen,
da dann noch und dort noch, das ewig dich liebt.

72engel.blogspot.de