Donnerstag, 8. Oktober 2015

Lydia

Gestern Abend chattete ich mit einer Freundin, mit der ich lange Zeit keinen Kontakt gehabt hatte. Sie war zufällig auf mein Fachebook-Profil gestoßen. Ich hatte einen Kommentar auf der Seite einer öffentlichen Gruppe hinterlassen und sie erkannte mich durch das Profil-Foto.

Lydia - so heißt meine Freundin - macht ihrem Name alle Ehre. Obwohl der religiöse Sinn ihrer Eltern gerade mal für ein besonderes Abendessen am Heiligen Abend reichte, hatte sie schon als Kindergartenkind sehr großes Interesse an all dem, was mit dem Christentum zu tun hat. In der Bibel ist Lydia die erste Person auf europäischem Boden, die den christlichen Glauben annimmt und dem Apostel Paulus und seinem Begleiter Silas hilft. Und sie war die erste Person in ihrer Familie, die eine Bibel freiwillig und länger als 10 Minuten in der Hand gehabt hat. Den Namen hatte ihre Mutter allein aufgrund des Klangs gewählt. Es dauerte noch ein paar Jahre, aber dann saßen auch ihre Eltern beim Gottesdienst. Sie hatten große Angst davor, Lydia würde den Wunsch entwickeln, Nonne zu werden - für Eltern der so genannten "68er Generation" etwa so schrecklich wie ein böser LSD-Trip. Sie dachten, würden sie Lydia bei der Ausübung ihres Glaubens begleiten, hätten sie bessere Möglichkeiten zur Gegensteuerung für den Fall, dass die Kleine drohte, durchzudrehen.

Als Lydia 17 war, lernte sie Joachim kennen. Sein Glauben reichte für ein besonderes Abendessen am Heiligen Abend, für den Gottesdienst am Sonntag trotz Saturday Night Fever und für Gehorsam gegenüber neun Geboten. Sein Vater war ein bekannter Lokalpolitiker und der Kontakt der Familie mit der Kirche war Teil seiner Wahlkampfstrategien. Joachim spielte das Spiel ohne Widerrede mit, denn gegen die Diäten seines Vaters hatte er nichts einzuwenden. Mit 23 lebte er noch gern bei seinen Eltern.

Lydia und Joachim waren irgendwie die perfekte Mischung. Ihr reiner, naiver Glaube und sein mondäner Geist machen aus ihnen sehr moderne und aufgeklärte Christen. Und wie es auch immer ist, wenn das Leben es offensichtlich gut mit den Menschen meint, ist bei den beiden so gut wie alles gelungen: Sie haben studiert, eine tolle Karriere hingelegt, führen eine glückliche Ehe, haben schöne intelligente Kinder und gesund sind sie auch noch!

Vor diesem Hintergrund war Lydia gestern begeistert, als sie von diesem Blog erfuhr. Sie fragte mich nicht einmal, wie ich dazu kam, weil sie davon ausgeht, die Engel selbst haben mich zu der Idee gebracht, meine Bastelanleitungen zu veröffentlichen. Und irgendwann erzählte sie mir, sie möchte eine Engel-Puppe für die kleine Tochter einer Bekannten nähen. Denn wenn ihr etwas nicht gelingen will, bittet sie die Engel um Hilfe. Eine Engel-Puppe könne einem kleinen Mädchen helfen, sich bei seinen Gebeten besser zu konzentrieren. Sie hat sich selbst als Kind eine Engel-Puppe aus Papier gebastelt und von diesem Tag an haben ihr die Engel auch in den unbedeutendsten Kleinigkeiten geholfen - vorausgesetzt natürlich, dass sie sie um Hilfe gebeten hat.

Heute morgen setzte ich mich an den Basteltisch und versuchte, ein Geburtstagsbild in Scrapbooking-Stil für Lydia zu gestalten. Ich wühlte in meinen alten Sachen herum und fand ein altes Gebetsbild aus den 70er Jahren, das ich ihr unbedingt schenken wollte - als Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit. Und irgendwie gelang das Projekt einfach nicht. Scrapbooking ist nicht mein Spezialgebiet, aber die meisten Projekte klappen doch gut. Nach acht Skizzen und einem kleinen Berg verschnittener Papierbögen sah ich die Chat-Zeilen von gestern Abend wieder vor Augen. Und was tat ich natürlich? Ich bat die Engel um Hilfe! Und - wie erwartet - gab ich nach fünf weiteren unbrauchbaren Skizzen und noch mehr verschnittenem Papier auf! Alle Verbesserungsversuche haben Kleber und Nerven gekostet und nichts gebracht.

Ich werde nie erfahren, warum Lydias Gebete immer erhört werden und meine in der Regel nicht. Dass ihr Glaube stärker als meiner ist, halte ich für keine sinnvolle Erklärung. Man kann Fanatismus messen, aber nicht Glauben. Ich kenne einige streng gläubige Christen, die nicht einmal wissen, dass sie welche sind, und Kirchgänger, die nicht ein Minimum an Nächstenliebe besitzen. Gottes Willen lässt sich bekanntlich nicht ergründen! Aber eins weiß ich: Ich werde jetzt alles abkleben, glätten, reparieren und morgen ein neues Scrapbooking-Bild anfangen! Die Engel können gern Wichtigeres tun. Es soll eben MEIN Geschenk für Lydia sein!


72engel.blogspot.de (Lydia)