Mittwoch, 14. Oktober 2015

Showgirl

Ein Text von Rosana Kirsch.

Als ich am Mittwoch einige Bilder für eine Ausstellung transportfährig machen musste, war es mir klar geworden, dass ich kein Werk im Atelier hatte, das ich wirklich zur Schau stellen wollte. In den letzten Zeiten hatte ich aus rein kommerziellen Gründen mehrere Blumenvasen gemalt. Diese Bilder schienen mir aber viel zu harmlos für eine so turbulente Zeit. Ich fühlte mich dabei nicht wohl, mir in einem politisch so traurigem Moment die Banalität einer Blumenvase zu erlauben. Ich holte mir eine Tasse Kaffee, machte den Fernseher an und überlegte, was ich auf die Leinwand bringen könnte. Ich war nicht besonders daran interessiert, was ausgestrahlt wurde, bis ein Bericht über den Besuch von Conchita Wurst in Europaparlament begann.

Obwohl ich keinen Bezug zum Europa Song Contest habe, habe ich in diesem Jahr sogar ein paar Euros ausgegeben, um für Österreich zu stimmen. Denn Conchita Wurst ist mehr als eine Sängerin, mehr als ein Künstler. Conchita Wurst ist für mich ein Plädoyer für Toleranz, für das Recht auf ein Leben ohne Angst unabhängig von der sexuellen Orientierung. Ich wollte aber nicht Conchita Wurst malen. Denn Conchita Wurst hat zwar mit ein paar öffentlichen Anfeindungen zu kämpfen, ist aber andererseits von dem größten Teil unserer Gesellschaft und Medien in ihrem Selbstwert und Selbstbewusstsein bestätigt und demzufolge geschützt. Durch die Worte von Thomas Neuwirth erinnerte ich mich jedoch an das Schicksal eines alten Bekannten, der sich noch sehr jung das Leben nahm.

Leonardo träumt schon als Teenager von der Bühne, von einem Leben als „Showgirl“. Mit 18 verließ er sein Heimatdorf und kam in die Hauptstadt. Als junger Travestiekünstler nannte er sich „Sugar Kowalczyk“ nach der Rolle von Marylin Monroe in „Manche mögen's heiß“. Den Film von Billy Wilder kannte er in- und auswendig. Alle Kostüme hatte er sorgfältig nachgenäht. Androgyne Modelle wie die von David Bowie, Boy George oder Pete Burns haben ihn nie interessiert, obwohl er sich als Transgender sah. Geschlechtsangleichende Maßnahmen nahm er zwar vor, weigert sich aber, seinen Penis aufzugeben. Aber genau diese Überschreitung der Geschlechterrolle, diese Nichtzugehörigkeit entwickelte sich in eine sehr ungünstige Richtung.

Ich muss gestehen, dass ich mir damals trotz aller Toleranz doch Sorge machte, Leonardo irgendwann nicht mehr als Menschen, sondern als ein „ungestaltetes“ Wesen anzusehen. Denn er unterzog sich mehreren fragwürdigen „Verschönerungen“, die aufgrund der Kosten nicht immer von Fachleuten durchgeführt wurden. Die ästhetischen Maßstäbe sind oft auf der Strecke geblieben. Und wie das Schicksal so spielt, wurde seine Mutter schwer krank. Leonardo hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, machte sich aber sofort auf den Weg „nach Hause“. Er hatte zwar Geschwister, diese waren aber eher mit dem eigenen Leben beschäftigt.

Und aus den blöden Kommentaren auf der Straße, die er ab und zu in Berlin hörte, wurden regelrechte Anfeindungen. Die Menschen im Dorf, die den gutaussehenden Teenager kannten, nahmen Leonardo in seiner Menschlichkeit nicht mehr wahr. Man bezeichnete ihn als Missgeburt, machte ihn für die Erkrankung der eigenen Mutter verantwortlich. Eine Woche nach der Beerdigung seiner Mutter suchte seine Seele die Erlösung. Ich bin mir sicher, dass das, was Leonardo in den Tod getrieben hat, nicht das war, was die Menschen ihm gesagt haben, sondern das, dass er an diesen Aussagen geglaubt hat.

Aus meiner vagen Erinnerung heraus fing ich an, Leonardo zu malen - nicht wie er war, sondern wie ich es mir vorstelle, dass er sich gern in einer fantastischen Darstellung sehen würde: kokett, mit viel Make-up und einem exuberanten Federkostüm. Das Bild ist relativ schnell fertig geworden. Manche Bilder kommen leicht zustande, weil sie einen emotionalen Gehalt haben, der sich nach außen drängt. Ich brachte das Bild ins Freie, um Firnis aufzutragen, als meine Tochter nach Hause kam. Sie schaute das Bild an und sagte: „Was für einen eigenartigen Engel hast du da gemalt!“

„Engel? Das ist kein Engel! Das ist ein Travestiekünstler, ein Showgirl im Federkostüm!“, erwiderte ich.

„Blödsinn“, sagte sie, „das ist ein Engel. Ein Engel mit künstlichen Brüsten. Mama, das kann jeder sehen!“

Ich schaute mein Bild wieder an und freute mich. Nicht über mein Bild, das sehr wahrscheinlich keinen Käufer finden wird, sondern über meine Tochter - über eine junge Generation, die in der Lage ist, jeden Menschen zu akzeptieren und in seiner Heiligkeit als Teil der Schöpfung, als Teil des Plans Gottes wahrzunehmen. Vielleicht habe ich eben einen Engel gemalt – kokett und mit viel Make-up...

72engel.blogspot.de (Showgirl)